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31. August 2011, 13:33
Ein Berg, ein Mythos und ein Stück Melone
Der North Face Ultra Trail 2011 - Bericht und Fotos Marcel und Andrea Krebs
Der Mythos Mont-Blanc vermischt mit dem wohl verrücktesten Lauf aller Zeiten und den kulinarischen Laufgenüssen ist wohl das heimliche Erfolgsrezept der Veranstaltung. Das Geheimnis wirklich preisgeben, was der Unterschied zu anderen Veranstaltungen ausmacht, will von den Verantwortlichen aber keiner. Es gibt dennoch von einigen Überraschungen am diesjährigen Ultra Trail zu berichten. Bild: Jean-Yves Rey hier in le Contamines an vierter Stelle unmittelbar hinter Sébastien Chaigneauen.
Chamonix Mont-Blanc, 28.8.11 mk - ak (mk) Eine der Suprise sportlich gesehen ist, dass es praktisch keine Ultraläufer mit ungenügenden Trainingskilometern mehr gibt. Wer einen Startplatz erhalten hat, der weiss um was es bei diesem Ultralauf geht. Der Athlet weiss auch, dass die weltbesten Ultraläufer am Start sind. Wer als Amateurläufer mitmachen darf, ist stolz darauf und trainiert auch dementsprechend.
Regen und Sonnenschein
Nach anfäglich harten Wetterbedingungen, Regen, Schnee und Hudelwetter, endete der Trail bei schönstem Sonnenschein. Hunderttausende Zuschauer längs der Strecke haben den Ultralauf ein weiteres Mal verfolgt. Die Geschichte des Ultra Trails ist um eine Austragung länger und um viele Erfahrungen reicher geworden. Eines steht dabei jetzt schon fest, Perfektion kann nicht gelernt werden - seit Beginn der Veranstaltung ist, und bleibt der Ultra Trail die wohl perfekteste Veranstaltung in der Läuferwelt. Sportlich wie organisatorisch erlebten alle hier in Chamonix Höhenflüge.
Nicht überall ist es so - und nicht überall ist Kilian Jornet!
Gott sei Dank, sagt man da, im Gegensatz zu vielen Veranstaltungen, die ums's nackte Überleben kämpfen, herrscht hier nicht nur Wettersonnenschein. Die Handschrift aber hat dem diesjährigen Ultratrail wiederum der Sunnyboy aus Spanien gegeben. Er hat den UTMB zum vierten Mal gewonnen und zum vierten Mal die Herzen der Zuschauer erobert. Kilian Jornet Burgada, weltbester Ultra Athlet, Läufer und Dressman in einer Person, hat einmal mehr gezeigt, wie man über die Berge rennt. Nicht weniger spektakulär hat sich die Engländerin Lizzy Hawker angestellt und ebenfalls ihren vierten Sieg geholt.
Der Winter kommt!
Nach dem hochsommerlichen Donnerstag mit seinen 37° an Temperaturhöchstwerten, verdüsterte sich der Himmel über Chamonix am Freitag immer mehr und mehr. Der Mont-Blanc schaute nur noch wenig hinter der immer dickeren Wolkendecke hervor. Und die Radionachrichten über die Wetterkapriolen dort oben auf 4810 Metern wurden durch den aufkommenden Wind mehr und mehr bestätigt. Ein Schneesturm tobte dort oben auf dem Berg. Alle blickten immer wieder hinauf solange sie es noch konnten, doch gegen den späteren Nachmittag war auch dieses Fenster zu. Es begann zu regnen und schon bald goss es wie aus Kübeln. Sollte sich das Wetterdesaster des letzten Jahres wiederholen? Der Start der eindrücklichsten Extremprüfung wurde verschoben. Der Start, der für 18.30 Uhr vorgesehen war, wurde auf 23.30 Uhr verlegt. Als um 20.00 Uhr Bergführer und Polizei eintrafen, ahnte man schlimmstes. Gutgelaunt und voller Tatendrang kamen die Polizisten und Bergführer allerdings nur zu einem Imbiss im Zentrum des OK vorbei.
Auch der CCC musste ausweichen
Der am Freitagmorgen gestartete CCC bekam ja ebenfalls einen neuen Streckenabschnitt und der verlief weiter auf Schweizer Gebiet, statt über den Bovin nach Martigny hinunter und von da über den Forclazpass.
Dieses Jahr wurden die Kleidervorschriften erhöht um winterlichen Verhältnissen, wie sie letztes Jahr vorlagen, entgegenzuwirken. Jeder Teilnehmer musste eine Wasserundurchlässige Jacke mit sich tragen, dazu wärmende wasserunddurchlässige Handschuhe und warme Leggins. Bei bester Ausrüstung kamen da 1kg Gewicht dazu, und für den Läufer einen rechten Batzen aus der Sparbüchse, für das zusätzliche teure Material. Der Läufer persönlich, kann aber so im Extremfall auch bei schwersten Verhältnissen in einsamer Natur durchhalten. Die hohen Pässe von bis zu 2680 Metern (Grand Col Ferret)verlangen den Sportlern im Gebiet rund um den Mont-Blanc wirklich alles ab. Zudem sind die Bedingungen auf diesen Höhen so unterschiedlich wie nirgendwo und es kann durchaus sein, dass jederzeit ein Wintereinbrauch erfolgen kann.
Verstärktes Sicherheitsdispositiv
Ebenfalls wurde das Sicherheitsdispositiv verstärkt und überall an den neuralgischen Punkten standen Bergführer mit ihren Patrouillen bereit, wenn eventuelle Hilfe angefordert würde. Die Organisatoren hatten also diesmal an alles gedacht.
Start bei strömendem Regen
Bei strömendem Regen starteten dann punkt 23.30 Uhr über 1500 Läufer und Läuferinnen zum Extremabenteuer rund um den Mont-Blanc. Drei Länder in Hochgebirgsregionen durchquerten sie, auf insgesamt 170 km Laufstrecke (Umweg Martigny) und fast 10'000 positiven Höhenmetern konnten sie ihrem Palmares gutschreiben. Ihre Angehörigen standen in Scharen am Strassenrand und begleiteten die Läufer so gut es ging mit dem Auto längs der Strecke oder standen halt an den neuralgischen Punkten bereit. Jeder der Läufer war für die nächsten 21-46 Stunden der König, hatte sein eigenes Team für die Betreuung und vor allem für die moralische Unterstützung in der Einsamkeit der Wildnis am Mont-Blanc. Verpflegung aus Freundes Hand war allerdings nach Reglement verboten. Nach der Qualifiktation für diesen unmenschlichen Trip durch das Mont-Blanc Gelände hatten sie nun Gelegenheit sich zu beweisen - die Männer und Frauen, die solches Abenteuer suchten.
Keine Warmduscher und Möchtegerne mehr!
Warmduscher, die sich noch vor vier fünf Jahren am Ultra Trail übten und an den Start wagten, die gibt es mittlerweile nicht mehr. Die, die es vor Jahren trotz Warnung versucht haben, sind kläglich gescheitert und über 90% der damaligen Läufer, die den Trail auf die leichte Schulter nahmen, haben es bisher unterlassen nochmals teilzunehmen. Die Schmerzen in der nach UTMB Zeit waren zu gross. Ungläublige gibt es so immer weniger, wenn auch ab und zu Einzelne meinen es könnte funktionieren, das ohne grosses Training. Nur wer mit Hunderten von Saisonkilometern am Start steht in Chaominx wird es durchstehen. Und selbst dann, ist das Durchhalten und Durchbeissen noch viele andere Faktoren davon abhängig ob man als Finisher durch's Ziel läuft.
Brutal und hart wie keine andere Prüfung
Der Ultra Trail ist brutal und aussergewöhnlich hart und kein anderer Extremlauf kann ihm die Stange halten. Die Abläufe gehen an einigen Stellen 15% steil und kilometerlang über Wurzeln und Geröll hinunter und vielerorts sucht man vergeblich Bergpfade. Der Ultra Trail erlaubt auch nur mental auf höchsten Niveau stehenden Extremkämpfern den Einsatz am Lauf. Im Kopf spielt sich hier vieles ab. Manchmal auch das Durchhalten.
Wer nicht zwanzig Mal hintereinander über das innere Schweinehundchen siegen kann, hat keine Chance. Wer nicht auch im Extremfall, auch wenn man nichts herunterbringt, Nahrung zu sich nehmen kann ebenfalls nicht und wer sich nicht durch extremste Wetterverhältnisse Quälen kann, wird leiden und schlussendlich scheitern. Am Mont-Blanc herrschen tagsüber Temperaturen von bis zu 37° Plus und Nachts in 2500 Meter Höhe bis zu 4° Minus. Allein diese Gegebenheiten, die völlig unterschätzt werden, führen viele der Startenden ins regelrechte Verderben.
Es starten Profis gegen die reinen Amateure
Am Ultra Trail starten die weltbesten Profibergläufer gegen die reinsten Amateure. Also die, die jeden Tag viele Kilometer abspulen gegen die, die alles in ihrer Freizeit machen und für diesen einen Tag auf (fast) alles ausser Arbeiten im Vorfeld verzichtet haben, sie bezahlen nämlich dazu auch noch eine schöne Stange Startgeld. Finisher kann nur werden, wer monatelanges Training dem süssen Leben vorgezogen hat. Der Hobby- und Freizeitläufer startet hier gegen die weltbesten Extremprofis und gegen die gewaltige Natur.
Saint Gervais der erste Verpflegungspunkt nach 21 Kilometern
Sainte Gervais liegt auf 832 m über Meer und die Läufer hatten bis hierher bereits den 1771 m hohen Le Délefret zu bezwingen und dies wohlverstanden mitten in der Nacht bei strömendem Regen, die rutschige Abfahrt inbegriffen. Die erste heisse Tasse Tee oder eine Suppe für die hinteren Regionen oder ein aufmunterndes Bravo, Bravo und der Applaus der Bevölkerung, die wie jedes Jahr am Wegesrand steht, sind das Einzige, auf das die Ultras zählen können.
Die Spitzenläufer haben sich nur Zeit genommen um die Regenjacke oder das Trikot zu tauschen und weiter geht's für sie im horrenden Tempo weiter in die Dunkelheit hinaus. Der Vergleich ist denn auch erschreckend hier in der Skimetropole Saint Gervais. Zwischen dem ersten und dem letzten Athleten sind es nach 21 km bereits gegen zwei Stunden Unterschied! Man kann es auch so sagen, wer hier mit diesem Abstand durchläuft, der wird es kaum schaffen. Die Gesichter ab der Hälfte der Läufer sind bereits stark gezeichnet.
Es regnet in strömen - das Thermometer fällt!
Der Regen hat noch mehr zugenommen, das Thermometer ist tiefer gefallen. Nach einer Stunde warten war ich ebenfalls völlig durchnässt und bin froh, dass ich in den Pressebus einsteigen kann, der mich ans Ende der regulären Strasse in Le Contamines bringt. Hier werden die Läufer endgültig in die wilde Natur entlassen, fernab von jeglicher Zivilisation. Wem sie auf den nächtlichen Pfaden nun begegnen werden, wissen wir und sie selber auch nicht. Höchsten einem Pyrenäenhund, der treu seine Herde alleine bewacht oder einer Asper Viper, die vielleicht in aller letzter Sekunde dem Weg und dem Läufer entflieht, das sind die Begleiter in der Extremis. Es ist verdammt einsam hier draussen, still und unheimlich. Wäre da nicht die Show die man den über dreihundert Journalisten auf 1322m/üM mitten in der Nacht bieten würde. Neben einem einheimischen Buffet mit Champagner und kulinarischen Köstlichkeiten aufgebaut in einem Zelt, wo auch der Kaiser von Japan speisen würde und einer extra beleuchteten und mit riesigen Scheinwerfern angeleuchteten Kirche warte ich auf die Athleten. Dazu begleitet mich harte Rockmusik und dies alles mit dem Label, Made in France. Vergessen darf man auch nicht die Fackeln die mitten auf der Brücke und noch ein bisschen weiter, links und rechts für hundert Meter den Weg beleuchten. Sie geben ein warmes Licht ab. Es ist so, wie wenn sie Adieu sagen wollten, bevor die Extremläufer wieder in die totale Dunkelheit entschwinden. Immer kleiner werden dann die Lichter der Stirnlampen, die jeder als Muss am Kopf befestigt hat.
Der Kick für ein langes Jahr
Das Thermometer ist mittlerweile noch mehr gesunken, es zeigt gerade mal 6° an, der Regen hat glücklicherweise aufgehört, doch es ist hier oben ungemütlich, frisch und feucht. Wenn ich nur schon drandenke, meinen Blick in die Dunkelheit richte, auf den Pfad schaue, der jetzt steil nach oben geht und bei km 39 in La Balme einbiegt in den Bergpfad hinauf zum Col du Bonhomme einschwenkt, der bereits die beachtliche Höhe von 2329 aufweist und gleich vom noch höheren Ref. Cime du Bonhomme übertroffen wird, wird mir schwindlig. Nach einer waghalsigen Abfahrt nach les Chapieux hinunter auf 1549 m über Meer wird der Spreu vom Weizen dann endgültig getrennt. Nach den ersten 500 Durchgangsläufern werden alle Weiteren vorsichtig die Hölle des steilen Bonhomme hinuntertasten um nicht in einen der unzähligen Alpseen zu fallen durch die dazwischen die schmalen Pfade führen. Sie tun mir irgendwie leid, die Familienväter, die sich in dieses Abenteuer stürzen und dazu auch noch mitten in der Nacht. Wenn ich darüber aber länger nachdenke weiss ich, sie wollen und brauchen es, es ist sozusagen ihr Kick, der Kick nach Abenteuer, Schweiss, Ungewissem und Verrücktheit. Sie wollen für einige Stunden dem normalen Leben entfliehen. Solche Strapazen des Wahnsinns machen sie glücklich und froh und sie werden wieder für ein Jahr lang zu braven einfühlsamen und lieben Familienvätern und die Kicks geben ihnen den Ausgleich im Beruf und sonstigen Leben. Irgendwie bewundere ich sie, sie sind die wahren Helden des UTMB.
Sie kommen!
„Die Spitze kommt!“ dröhnt eine Lautsprecherstimme durch die Nacht und zerreist das Friedfertige am Wegesrand. Und wie sie kommen, der weltbeste Bergläufer der erst 24-jährige Spanier Kilian Jornet ist bei den Drei dabei, die hier alleine vorbeirennen, so schnell, dass sie bereits nach einigen Sekunden wieder in die Dunkelheit entschwinden, als seien sie Nachtgeister, die nur schnell Gute Nacht sagen wollten. Mit der beleuchteten Kirch im Hintergrund ergibt sich eine Szenerie wie in Draculas Mitnightfilm.
Wo ist Jean-Yves?
Mitfavorit, der Schweizer Jean-Yves Rey folgt auf Platz vier zusammen mit dem späteren Dritten, dem französischen Laufstar Sébastien Chaingneau, die beiden liegen hier zwei, drei Minuten zurück. Die Läufer sind sehr konzentriert und man sieht förmlich die Kraft und den Power, wenn sie sich bewegen.
Die Spitzenläufer geben hier bereits alles und die vielen Fotografen auch. Wer schon einmal mitten im Dunkeln geblitz hat, der Weiss was für ein Glücksfall es ist rennende Läufer in völliger Dunkelheit abzulichten. Das Ah und Oh aller Fotografen war immer wieder von überall her zu hören. Schwarze Bilder waren die Mehrzahl. Und so werden die Allermeisten der Fotografis, die es ins Dunkel gewagt haben, das gleiche Motiv haben, dass die Organisatoren geschickt beleuchtet haben. La Contamines lässt grüssen. So verkauft man sein Image in die Welt hinaus. Zum fachsimplen war aber keine Zeit mehr, denn schon wurde zur Rückfahrt gerufen, und wie eine Truppe japanischer oder indischer Touristen marschierten wir 400m durch stockfinstere Nacht, Richtung Bus.
Die Ersten sind bei km 33 die Letzten noch nicht einmal bei km 21!
Bei der Durchfahrt durch Saint Gervais sehe ich die letzten Läufer die hier bei km 21 durchlaufen. Die Einen humpeln bereits, die Anderen sind total durchfroren, zittern, geben aber noch lange nicht auf, doch Les Contamines werden sie mit ziemlicher Sicherheit nicht mehr erreichen. Ihr Ehrgeiz ist gross, manchmal grösser als die Kraft, die sie besitzen und vieles an dieser Monstertour spielt sich halt auch im Kopf ab. Wenn der Kopf dann so begossen wird, dann kann das Eine oder Andere nicht mehr stimmen. Doch auch für sie werden es unvergessliche Erinnerungen bleiben, trotz Aufgabe.
Ankunft um morgens um vier in Chamonix
Eine über eine Stunden dauernde Rückfahrt und die Entlassung in den strömenden Regen und einer 7° nächtlichen Chamonix Temperatur führt mich zusammen mit meiner Frau und Larry zurück zu unserem Nachtlager, wo wir im Zelt die letzten Nachtstunden fast erfrieren und bereits um 0900 wieder zum neuen Abenteuer aufbrechen, diesmal in die Schweiz nach La Fouly im Val Ferret. Man Bedenke, die Athleten rennen da ganz einfach durch, irgendwo weit oben in den Bergen.
Wurzeln, Steine – Rutschpartie
Der Lauf bw. vom Refuge hinunter nach Courmayeur ist 13km lang und steil, hat hohe Trittstufen ist schmal und führt am Schluss durch den Wald mit steilem Wiesenbord ohne Geländer und nichts, wer hier fällt, der fällt nicht nur viele Meter in's Ungewisse, sondern möglicherweise auch in Ohnmacht und dann Gute Nacht. Ich bin selbst diesen Weg während des Rennens vor drei Jahren gelaufen.
Die Spitze sollte hier im hinteren Teil des Valle Ferret um die Mittagszeit durchlaufen. So nahm ich in der Zwischenzeit, anstatt zu warten, drei – vierhundert Höhenmeter auf mich und marschierte der Strecke entlang auf den Berg. Es war bewölkt, ja die Wolken hingen noch tief, es regnete aber nicht mehr. Über das Mobil wurden wir Journalisten mit SMS über den ständigen Stand der Läufer, die Streckenverhältnisse und das Wetter unterrichtet. Oben auf dem höchsten Punkt dem Grand Col Ferret wurden 10cm Neuschnee gemeldet, glitschige Ablaufpartien und gefährliche Wanderwege. Die Spitze hatte zu diesem Zeitpunkt die Marschtabelle trotz mieslichen Verhältnissen eingehalten. Mit riesigen Sprüngen über die grossen Baumwurzeln und die vielen Steine kamen sie wie Hürdenläufer den Berg herunter gerast.
Jornet das Supertalent!
Kilian Jornet hatte mit seinem Trainingspartner Iker Karrera Aranburu immer noch einen Begleiter dabei, beides Profisportler und beides sind Trainingskollegen. Sie hatten ihren Vorsprung ausgebaut und lagen bei km 110 über 16 Minuten vor den direkten Verfolgern. Sébastien Chaigneau lag auf dem dritten Platz mit einem weiteren Spanier. Wo war aber Jean-Yves Rey?? Schon sechs, sieben Läufer waren bei mir vorbei. Ich marschierte weiter die Strecke hinauf und bei der nächsten Kurve traf ich ihn lachend mit seinem Betreuer an. Der Walliser Bergführer hatte an achter Stelle liegend, aufgegeben. „Ich kann nicht mehr essen und würde unweigerlich ins Verderben rennen, das böse enden könnte", meinte er. Sein äusserlicher Zustand war der eines Normalläufers beim Start. Man würde es ihm nicht geben, dass er sich soeben entschlossen hat das Rennen zu beenden. (Das Interview folgt unten)
Ein Königslauf für den Gewinner
Wo er nun durchkam, lagen sie ihm zu Füssen. Hunderte angereiste Fans aus Spanien feierten jetzt schon den neuen Sieg. In Vallorcine bei km 149 lief er wie ein Tiger elegant und alleine an der Spitze durch die Zuschauermassen, so ungefähr wie an der Tour de France, bildeten die Menschen ein Spalier. Jetzt konnten sie ihn bereits Feiern, ihren Landsmann aus Spanien. Weit oben hatten sie ihn schon aus dem Wald kommen sehen. Wie ein wildes Pferd ist er den steilen Hang hinuntergestürmt. Sein Talent mit solch einem horrenden Tempo die steilsten Hänge zu nehmen, hat er in Andalusien gelernt, da wo er in den Pyrenäen zur Schule ging, sagte er einmal in einem Interview.
Die Schranke für einen Halt
Ich stehe nun an der Bahnschranke am Grenzbahnhof in Vallorcine, einer Bahnschranke die es in sich hat, die immer wieder runtergeht, weil ein Zug einfährt. Und doch wird sie umgangen, je zur Hälfte reicht die Barriere bis kanpp in die Mitte. "Er ist einfach der grösste Sportler, den wir in Spanien und auf der Welt haben, ruft einer schwärmt einer der Männer und Fans von Jornet. Haben Sie gesehen, wie er durchgerannt ist?" Sein Durchlauf auf der geraden Strasse bis zur Station war nicht einfach, er schüttelt Hände, er dankte und sah sehr glücklich aus. Ein bisschen ist auch er gezeichnet. Das Rennen ist noch nicht zu Ende, doch er wird bei den Fans bereits gefeiert. Dabei hat er noch etliche Laufkilometer vor sich. Kilian Jornets Karriere ist zudem aussergewöhnlich. Mit 20 Jahren ist er 2007, zum ersten Mal an die Spitze gestürmt hat mit einer Zeit unter 21 Stunden für die 166km einen neuen Streckenrekord aufgestellt und jetzt, läuft er mit 24 zum vierten aufeinanderfolgenden Mal zum Sieg. Er ist nie einem Club beigetreten, hat seine Technik selber entwickelt und er läuft dennoch wie eine Grazie.
Der Spanier hat bereits alles gewonnen, was es an grossen Ultraläufen zu gewinnen gibt. Kilian Jornet Burgada, wie er mit vollem Namen heisst ist der perfekte Läufer in Person. Er besitzt alles, was es braucht. Er sieht nicht nur gut aus, er rennt ebenfalls so gut und am liebsten durch unwegsames Gelände. Jornet ist ein begehrtes Fotomodell für die Ausrüster und er ist seinen spanischen Sponsoren und Ausrüstern aus den Anfängen bis heute treu geblieben, obwohl er viele Angebote hatte.
Der Sieger wird gefeiert – der Rest kämpft um's Überleben
Während Kilian Jornet kurz nach 20.00 Uhr über die Zillinie in Chamonix läuft, quälen sich die Letzten den Ferret hinauf oder laufen mitten in der Nacht bei Minusgraden über die Passhöhe. Und wer schon einmal dort oben auf dem Grand Ferret war, der weiss wie die Winde dort oben einem um die Ohren pfeifen. Mit Garantie wird trotz Goretex Jacke Kappe und undurchlässigen Wetterhandschuhen um die Wette geschlottert. In La Fouly werden wie üblich viele aussteigen, viele werden La Fouly überhaupt nie erreichen und für mindestens hundert wird es kein La Fouly mehr geben, weil die Durchgangsstation längst geschlossen ist, wenn sie ankommen. Der Zeitnehmer mit dem Chipgerät wird wie vom Erdboden verschwunden sein und nur noch im Sanistätszelt wird auf die Allerletzten gewartet eine warme Suppe wird es trotzdem geben, für das bittere Aus nach 122 Höllenkilometern. Wenn keine Angehörigen und Freunde hier sind, wird der Läufer mit dem letzten Bus nach Chamonix zurückgebracht. Informiert über alle Läufer und deren Stand, ist man am Ultra Trail bei der Streckenorganisation mit Satelittentelefonen.
Streckenänderung
Die Strecke wurde auch am Ultra Trail geändert. Steinlawinenrutsche am Bonvin machten die Strecke unpassierbar und damit viel zu gefährlich. So wählte man die Ausweichstrecke von Champex hinunter nach Martigny und wieder hinauf auf den Forclazpass. Die Tortour UTMB war damit perfekt. Fast zu perfekt für viele Amateursportler. Und doch kämpften sie mit steinerner Miene bis ans Ziel. Die Jahre wo aber förmlich auf den Knien geschlichen wurde sind am Ultratrail endgültig vorbei. Auch wenn der Reporter auf solche „Fälle“ wie verbissen gewartet hat, wird er keine solche mehr vorfinden. Ja, hie und da torkelt noch einer die Strasse rauf, braucht die vier Meter auf der gesamten Breite, das war's dann aber auch schon, schliesslich geht es bald wieder runter und da dürfen halt mal solche Emotionen der Müdigkeit sein.
Ein strahlender Sonntag
Entschädigt für die Strapazen wurden die Läufer am Sonntag mit herrlichstem Sommerwetter. Dieses liess alles vergessen, alles, ja wirklich alles. Die unheimliche Dunkelheit am Grand Ferret, der Pyrenäenhund, der plötzlich auf dem Weg stand, die Steine, die gefährlich auf dem Pfad lagen, die Giftschlange, die sich ängstlich vom Weg entfernte oder ganz einfach die nassen Füsse, die man beim Überqueren des herabstürzenden Bergbaches mitten in der Nacht bekam. Der Hosenrutsch am Grand Ferret, wo die Wurzeln glitschig im Wege standen und der unliebsame Abrutscher übers steile Bergbord waren glimpflich und liessen ausser zerrissenen und mit Dreck benetzten Hosen und ein paar blauen Flecken keinen Schaden zurück. Oder den Hungerast, den man schon nach 50 Kilometern mitten in der Nacht bekam und wo man sich bis zur nächsten Verpflegungsstation förmlich im Schneckentempo zubewegte, ist längst vergessen. Der Nachteil des Ultra Trail ist, dass man nirgends ein Taxi herbeiwinken kann, nirgends fährt der TGV vorbei und nirgends kann man den Bus nehmen. Der Ultra Trail hat eben seine eigenen Gesetze. Über 1500 Wahnsinige haben sich auch dieses Jahr eingeschrieben, über 2000 sind leer ausgegangen und konnten nicht starten. 15 Prozent werden wie üblich das Ziel nicht erreichen. Das Phänomen UTMB (The North Face Ultra Trail) lebt weiter. Es ist mittlerweile die Bestätigung für die weltbesten Bergläufer und hat den Status einer Weltmeisterschaft erreicht. Für die 1500 Amateure im grossen Feld ist der UTMB das Highlight des Jahres, ja vielleicht ihres Lebens. Viele der Läufer sind in den zwei Tagen geläutert worden und werden nie, ja niemehr um den Mont-Blanc rennen. Für die Meisten geht es nach dem Lauf bereits um die nächste Austragung und sie schwelgen in der Hoffnung, auch nächstes Mal einen Startplatz zu erhalten.
Der Sponsor mit einem weinenden und einem lachenden Auge – eine glückliche Lizzy
North Face, die Firma, die diesen Anlass überhaupt möglich macht, rennt immer noch ihrem ersten Sieg im Männer Overal nach. Aud diesmal hat es wieder nicht geklappt. Ihr Paradepferd der Franzose Sébastien Chaigneauen ist aber immerhin Dritter geworden. Lizzy Hawker hat dafür bei den Frauen die Kohlen aus dem Feuer geholt. Mit einer grossartigen Leistung ist die Profiläuferin und Bergsteigerin aus England mit Wurzeln in der Schweiz, ist die von vielen genannte Bergqueen in 25 Stunden um den Mont-Blanc gerannt. Sie sah zwar bei km 120 sehr abgekämpft aus, die beinharte Engländerin hat es aber durchgestanden und ihre Teamkollegin aus Néré MARTINEZ URRUZOLA aus Spanien mit drei Stunden Vorsprung deutlich hinter sich gelassen. Bei den Overall Frauen feierten die North Face Läuferinnen einen überragenden Doppelsieg.
Tausende fanden sich wieder im Ziel ein, Hunderte harrten aus oder kamen immer wieder in das Stadtzentrum von Chamonix, um die Läufer anzufeuern. Die Begeisterung in Hochsavoyen ist gross. Für die vielen Touristen ist es zudem eine wunderbare Attraktion. Sie sitzen in den Kaffees und rufen und winken den Finishern zu. Und auch die Familien empfangen ihre Liebsten und rennen mit ihnen bis ins Ziel. Emotionen pur, wo gibt es sonst so was?
Marcel Krebs
Die Resultate
TDS
Femmes
1) Jolanda Linschooten (NL) - 20h57'32
2) Francesca Canepa (IT) - 20h57'40
3) Nathalie Le Flanchec (FR) - 21h38'28
Hommes
1) Franck Bussière (FR) - 15h51'37
2) Lionel Trivel (FR) - 16h12'32
3) Sébastien Talotti (FR) - 16h20'54
CCC® - 93km - 5100m D+ (suite aux modifications)
Femmes
1) Virginie Govignon (FR) - 12h47'11
2) Claire Price (GB) - 13h08'41
3) Catherine Dubois (FR) - 13h30'38
Hommes
1) Emmanuel Gault (FR) - 10h10'25
2) Adam Campbell (CA) - 10h29'33
3) Nikolaos Kalofyris (GR) - 10h50'17
UTMB® - 170km - 9700m D+ (suite à la déviation par Martigny)
Femmes
1) Elisabeth HAWKER (GB) - 25h02'00
2) Néré MARTINEZ URRUZOLA (ES) - 27h55'34
3) Darcy PICEU AFRICA (US) - 28h30'28
Hommes
1- Kilian Jornet Burgada (ES) - 20h36'43
2) Iker KARRERA ARANBURU (ES) - 20h45'30
3) Sébastien CHAIGNEAU (FR) - 20h55'41
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In einer Landschaft die keine Vergleiche mit andern Ferientälern zu scheuen hat. Das Val Ferret auf Schweizer Seite im Mont-Blanc Massiv. Wer nicht den grossen Rummel will, der ist hier genau richtig.

Der unvergessliche UTMB. Die Strecke.

In la Contamines morgens um 0215 Uhr.

Val Ferret - ein wunderschönes Wandergebiet.

Vorne der Zweite Iker Karrera Aranburu, hinten der vierfache Seiger Kilian Jornet Burgada. Bei km 120 liefen die beiden noch zusammen. Dieser Wurzelweg gab später einigen Teilnehmern zu schaffen.

Sébastien Chaigneauen - der französische Laufstar lief als bester North Face Läufer auf den dritten Platz.

Lizzy Hawker gewann überlegen die Frauen Elitekonkurrenz. Lizzy liess dieses Jahr nichts anbrennen und bretterte gleich von Anfang an los. Hawker befindet sich im Moment in Topform. Zum Verhängnis wäre ihr beinahe ihr Selbst geworden. Sie verausgabte sich sehr, was auch der Vorsprung auf die Zweite Läuferin ihre Teamkollegin aus Spanien, Néré MARTINEZ URRUZOLA, zeigt. Fast drei Stunden hat sie ihr abgenommen. Dabei ist die Spanierin kein unbeschriebenes Blatt.

Der Sieger kurz vor der Passhöhe des Col des Montets, ungefähr 1 1/2 Stunden vor dem Ziel.

Jean-Yves Rey. Gab an achter Stelle liegend wegen Bauchschmerzen auf. "Ich konnte seit Kilometern nicht mehr essen." Auf Sieg eingestellt war Rey noch am Start, gutgelaunt und voller Tatendrang. "Ich musste unterwegs immer wieder K....., mir war schlecht und es machte ganz einfach zu. Das Gleiche ist mir bei meinem Sieg am CCC vor zwei Jahren passiert, dort konnte ich mich aber wieder erholen. Heute Nacht ging das nicht mehr. Ich habe gelitten und gelitten." Jean-Yves Rey lächelt aber und erzählt von seiner Familie, von seinen Kindern und, dass seine Frau am 4. September wieder ein Kind zur Welt bringt. "Wir haben einen Buben und ein Mädchen, es gibt wieder einen Buben." Für manche hört es sich komisch an, wenn einer bei einem solchen Lauf an achter Stelle aufgibt, Rey ist aber einer, der auf Sieg läuft und vieles kann, für ihn gibt es die nüchterne Biland, heute hat es nicht geklappt, mal sehen was Morgen ist. Jean-Yves Rey ist das Aushängeschild der Schweizer Bergläufer, auch im Ausland. Ein Sieg am Ultra Trail hätte man ihm sicher zugetraut. Nach dem Rekordlauf vor zwei Jahren am CCC, hat er bewiesen, dass er für solche Prüfungen geschaffen ist.

Am Sonntag war es wieder heiss.
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